Orgel St. Vitus - Treffelhausen

Die Kirchengemeinde in St. Vitus in Treffelhausen besitzt ein historisch wertvolles Instrument der Orgelbaufirma Carl G. Weigle. Es wurde im Jahr 1892 als Opus 177 (im Opusbuch als Opus 157 bezeichnet) mit 16 klingenden Registern, II. Man. und Ped., 3 Koppeln, Glocke, Oktavkoppel I. Man., Crescendo, Decrescendo, neugotischem Gehäuse mit Anstrich zum Preis von 5877.—M. erbaut.
1910 wurde die Orgel um 2 Register vergrößert und erhielt einen Echoschwellkastens - Kosten: 1338.—M. (Eintrag Weigle Opus-Buch).
Die Orgel ist mit dem von Orgelbauer Weigle entwickelten technischen System der pneumatischen „Membranlade“ ausgestattet. Dieses System hatte Weigle erst kurz zuvor entwickelt. Die Treffelhausener Orgel dürfte somit eines der ersten Instrumente gewesen sein, bei dem diese Technik ihre Anwendung fand und ist zugleich eines der letzten erhaltenen Weigelschen Instrumente aus dieser Zeit. 2002 wurde das Instrument durch Firma Mühleisen restauriert.

Gehäuse

Das neugotische Gehäuse ist mit brauner Ölfarbe gestrichen. Das Gehäuse ist an die Fensterrosette der Kirchenrückwand angepasst. Die hässlichen Elektroinstallationen wurden alle entfernt, einschließlich einer angeschraubten Sitzbank. Die Füllungen und Türen wurden wieder gangbar gemacht und alles schreinerisch aufgearbeitet. Ein Restaurator ergänzte die Farbfassung. An der rechten Gehäuseseite befinden sich 2 Öffnungen für die Balgtritte, sowie die Handhalterung für den Kalkanten. Die Tretanlage wurde aus Kostengründen nicht rekonstruiert, könnte aber jederzeit ergänzt werden.

Disposition

Hauptwerk     Schwellwerk     Pedal  
Bourdon 16'   Geigenprincipal 8'   Subbaß 16'
Principal 8'   Doppelflöte 8'   Violon 16'
Gamba 8'   Salicional  8'   Octavbass 8'
Gedekt 8'   Dolce 8'      
Flauto amabile 8'   Aeoline 8'      
Octav 4'   Vox coelestis 8'      
Hohlflöte 4'   Fugara 4'      
Mixtur 4f. 4'            
               
Octavkoppel 4'         Koppel I/Ped.  
Koppel II/I           Koppel II/Ped.  

Spielhilfen: Crescendo-Tritt

Das Instrument stammt von Weigle, 1882, mit pneumatischer Membranlade.

Spieltisch

Der Spieltisch wurde wieder in die Mitte des Gehäuses an seinen ursprünglichen Platz zurückversetzt. Am Spieltisch wurden ebenfalls die Elektroinstallationen entfernt. Der Spieltisch wurde schreinerisch aufgearbeitet. Die Klaviaturen wurden überarbeitet (Pedal neu garniert). Der Spieltisch kann mit einem Deckel verschlossen werden.
Im Spieltisch befindet sich ein aufklappbares Notenpult.  Der Tonumfang  der Manuale beträgt C-f’’’ (Manuale), der des Pedals C-d’.
Unten im Spieltisch befinden sich ein Crescendo- und Schwelltritt. Der Crescendotritt wurde in originaler Weigle-Manier nachgebaut und ergänzt. Der Crescendo-Mechanismus wurde restauriert. Rechts und links über den Spieltischkonsolen befindet sich hinter Glasscheibchen der Registrierplan für die Crescendo Walze (10 Stufen). Darunter sind 10 Öffnungen für die Anzeigezapfen (Kontrolle für Walzenstellung). Die Kontrollanzeige wurde wieder in Funktion gebracht und funktioniert einwandfrei.

Der Registrierplan der Walze lautet:
1 + Aoeline, Subbaß
2 + Dolce, Flauto amabile
3 + Salicional
4 + Gedekt
5 + Hohlflöte 4’, Doppelflöte 8’
6 + Gamba 8’
7 + Geigenprinzipal, Violonbaß
8 + Fugara, Principal
9 + Bourdon 16, Ocatv, Oktavbaß
10+ Mixtur

Das Spieltischinnere ist in Mahagoni gehalten. Das abgetretene Fußbrett wurde ebenfalls aufgearbeitet. Die Elektroinstallationen (Gebläseschalter) sind jetzt in einem separaten Kästchen neben dem Spieltisch untergebracht.
Die Registerzüge zum Einhaken befinden sich beidseitig der Klaviaturen: rechts:  II. Man. (Schwellwerk - blaue Prozellanschildchen), Pedal (weiße Porzellanschildchen), Oktavkoppel
links:  I. Man (Hauptwerk - rosa Schildchen) und Koppeln
Ein fehlender Registerknopf (Vox coelestis) wurde baugleich ergänzt. Die Registerzüge funktionieren einwandfrei. Die Register und Koppeln lassen sich problemlos ein- und ausschalten.
Die pneumatischen Apparaturen im Spieltisch wurden überarbeitet. Die Plastikrohre wurden durch originale Bleirohre ausgetauscht.

Geschichte

(Quellen: Kopie des Opus-Buches von Weigle, Inschriften am Orgelgehäuse und Schriftverkehr Monsingnore Melber)

  • erbaut 1892 von Firma Carl G. Weigle, Stuttgart als Opus 177 (im Opusbuch als Opus 157 bezeichnet) mit 16 klingenden Registern, II. Man. und Ped., 3 Koppeln, Glocke, Oktavkoppel I. Man., Crescendo, Decrescendo, neugotisches Gehäuse mit Anstrich - Kosten 5877.—M. (Eintrag Weigle Opus-Buch)
  • Mai 1910 - Vergrößerung der Orgel um 2 Register, Einbau eines Echoschwellkastens - Kosten: 1338.—M. (Eintrag Weigle Opus-Buch)
  • 1917 Prospektpfeifen abgegeben       
  • Dez. 1928 - Motor (Gebläse) eingesetzt (Aufschrift Gehäuse) - stillgelegter Windkanal zum Dachboden noch vorhanden
  • April/Mai 1929 - Orgel neu gestimmt (Aufschrift Gehäuse)
  • 3.11. - 12.11.1938 - Orgel gereinigt (Aufschrift Gehäuse)
  • 1977 - neue Windanlage - Firma Köberle
  • 1982 - Reparatur Köberle (nur das Notwendigste)
  • 10/ 1992 - Orgelstimmung (Gangele) (Aufschrift Gehäuse)
  • 27./28.6.97 - Reparatur Firma Link
  • 17.4.99 - Begutachtung Firma Link
  • 2002 Restaurierung durch Firma Mühleisen, Leonberg

Traktur/Spielanlage

Wie schon beschrieben ist der Spieltisch wieder an seinen ursprünglichen Platz zurückversetzt worden. Die pneumatische Traktur wurde wieder mit originalen Messingröhren im richtigen Durchmesser angepasst (Befund bei anderen Weigle Instrumente).  Die Traktur funktioniert für ein pneumatisches System völlig präzise und direkt. Es ist verblüffend wie genau die Traktur arbeitet. Durch den Anschlag ist es sogar möglich etwas die Ansprache zu beeinflussen. Der Tastengang ist richtig einreguliert und gleichmäßig. Das System der Membranlade ist auch weitgehend geräuschlos.
Der Spielwind beträgt 105 mm Wassersäule.
Die Traktur funktioniert tadellos.

Pfeifenwerk/Windladen

Auf der linken Seite von vorne betrachtet befindet sich das Schwellwerk direkt hinter dem Prospekt. Im Prospekt auf der linken Seite befindenden sich Pfeifen des Geigenprinzipals.
Das Schwellwerk wurde erst 1910 nachträglich eingebaut, ist sehr dünnwandig und mit Füllungen versehen. Die Jalousien wurden neu befilzt. Der Schwelltritt ist gut gangbar. Die Schwellwirkung ist auf Grund des dünnwandigen Gehäuses allerdings sehr gering.
Ein kleiner sehr schmaler Stimmgang befindet sich hinter dem Schwellwerk. Die zum Teil stark beschädigten Pfeifen des Schwellwerks wurden optimal restauriert und wieder einrastriert.
Das Hauptwerk zieht sich von der Mitte bis auf die rechte Seite. Es ist nun mittels einer kleinen Leiter und einer Halterung im Orgelinnern besser zugänglich.
Auch hier sind die Pfeifen optimal restauriert und wieder eingepasst worden.
Das Pedal befindet sich direkt an der Gehäuserückwand. Die Holzpfeifen sind gereinigt und talkumiert worden (Deckel). Teilung der Pedallade in C-Cis Seite.
Der Prospekt (Zink – Prinzipal und Geigenprinzipal) wurde belassen und neu bronziert.
Die Membranen auf den Windladen wurden kontrolliert und wo nötig ausgetauscht und neu verleimt.

Windversorgung

Während der Arbeit am Instrument und durch den Vergleich mit anderen Instrumenten zeigte sich, dass für Spiel- und Pfeifenwind je ein extra Doppelfaltenbalg vorhanden war.
Das Angebot der Firma Mühleisen umfasste jedoch nur einen großen Balg für den Pfeifenwind. Die Gemeinde konnte die Kosten für einen weiteren Balg nicht aufbringen.
Deshalb entschloss man sich, für den Spielwind einen der vorhandenen Schwimmerbälge aus dem Jahr 1977 (Firma Köberle) zu verwenden und wie vorgesehene den Doppelfaltenbalg für den Pfeifenwind zu rekonstruieren.
Die Aufstellung im Untergehäuse wurde so vorgenommen, dass sie dem Originalzustand entspricht. Ein originaler Balg für den Spielwind könnte somit problemlos nachgerüstet werden.
Ein ausreichend dimensioniertes neues Gebläse wurde auf dem Dachboden (originaler Ort) in einem gut isolierten Gehäuse platziert und an den vorhandenen Windkanal (von 1928) angeschlossen. 
Weiterhin wurde ein Ansaugrohr durch die Decke geführt, damit das Gebläse die Raumluft in die Orgel bläst (gleiches Klima).
Der Winddruck liegt bei 90 mm Wassersäule. Der Winddruck ist stabil und ausreichend dimensioniert. Die Windanlage wurde hervorragend ausgeführt.

Klangliche Beurteilung:

Klanglich ist das Instrument aus dem Dornröschenschlaf erwacht. Es ist kaum zu sagen von der Schönheit der einzelnen Register.
Das Schwellwerk besitzt 4 Streicher (Salicional, Dolce, Aeoline und Voix coelestis), die alle einen eigenen Charakter besitzen. Sie sprechen sehr prompt an und entwickeln im Raum eine zauberische Atmosphäre. Genauso begeistern die Flötenstimmen. Der Bourdon 16’ besitzt eine seltene Fülle, die sowohl als Baßstimme sowie zur Abrundung des Gesamtklangs hervorragende Dienste tut. Das Gedeckt, Flauto amabile, Hohlflöte und Doppelgedeckt sind tragend, rund, einfach  wunderschön intoniert. Auch im Zusammenspiel ergeben sich unendlich viele neue Klangnuancen. Der Principalchor besitzt wieder Kraft und Gravität. Die Mittellage des Principal 8’ fällt allerdings etwas ab. Es wurde auch mit dem Orgelbauer vereinbart, dass die Intonation in diesem Bereich noch etwas angehoben wird.
Der Schwachpunkt ist die Mixtur, einzelne Töne leiden unter akutem Windmangel, was wohl konstruktionsbedingt ist. Es wurde vereinbart, dass in Abstimmung mit dem Landesdenkmalamt bei der nächsten Wartung versucht wird, ob man die Pfeifenstockbohrungen oder die Membranbohrungen nicht etwas vergrößern kann, damit dieser Mangel behoben werden kann.
Es bleiben trotz des klanglich befriedigenden Ergebnisses auch Zweifel an der Originalität der Prospektpfeifen. Der Geigenprinzipal ist von annähernder Stärke, wie der Hauptwerksprinzipal, besitzt aber mehr Strich. Er verbindet sich auch gut mit der Fugara, die noch mehr Strich besitzt. Die Pedalregister besitzen genügend Grundtönigkeit und Volumen um den Gesamtklang zu tragen. Gute Dienste tut auch die Supercoppel des Hauptwerks.
Der Gesamtklang ist kraftvoll, rund und voluminös ohne zu schreien. Die Stimmtonhöhe beträgt etwa 427 Hz.
Die Orgel in Treffelhausen stellt ein Klangdokument erster Güte dar. In diesem relativ kleinen Instrument ist Hochromantik in Vollendung verwirklicht. Der Firma Mühleisen gebührt das Kompliment, das Instrument vorbildlich restauriert zu haben.

 

 

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